Geschwisterrivalität – Was haben Kain, Abel und Jennifer Lopez damit zu tun?
- adrianasimelka
- 3. Juli
- 6 Min. Lesezeit
Kampf und Neid zwischen Geschwistern gibt es, seit es Menschen gibt. Die allerersten Geschwister dieser Welt (zumindest nach dem Alten Testament), Kain und Abel, haben bereits damit angefangen und liefern uns ein Paradebeispiel. Wenn ein Kind das Gefühl hat, das andere wird bevorzugt, richtet sich der Schmerz oft nicht gegen die Eltern (oder im o.g. Fall gegen Gott), sondern die Wut entlädt sich am „bevorzugten“ Kind. Abel wird für Kain zum Symbol seines Minderwertigkeitsgefühls, seiner Unzufriedenheit. Kain erfährt eine schwere narzisstische Kränkung durch die Missachtung seiner Person gegenüber seinem Bruder. Fehlende Konfliktlösungsfähigkeit sowie Impulskontrolle führen zum tragischen Ende. Auch die nicht vorhandene Kommunikation zwischen den Brüdern wird in vielen Werken thematisiert, denn Kain behält seinen Groll für sich und spricht erst mit Abel, um ihn aufs Feld zu führen.
„Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und schlug ihn tot.“
Und jetzt zurück von der Genesis zu heute. Das Thema Rivalität beobachte ich auch bei meinen Kindern und das schmerzt. Sehr oft, wenn ich mit den beiden etwas Schönes unternehmen möchte (Schwimmen, Planetarium oder einfach zu Hause etwas gemeinsam spielen) artet es in Zirkus und Theater aus. Ein Kind ist immer unzufrieden und ich schwöre mir jedes Mal: „NIE WIEDER mit beiden gleichzeitig etwas unternehmen!“
Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, woran das liegt und was wir Eltern tun können. Die Ursachen sind vielfältig, aber zwei Punkte erscheinen mir besonders wichtig:
1. Dies ist ein Kampf um die wichtigste Ressource: Deine Aufmerksamkeit
Für ein Kind sind die Eltern die primäre Quelle für Liebe und Anerkennung. Teilt man diese wertvolle Ressource mit einem Geschwisterkind, entsteht oft die unbewusste Angst, zu kurz zu kommen. Menschen sind Egoisten und das liegt in unserer Natur.
Aber wenn unseren Kindern Aufmerksamkeit so wichtig ist, liegt das möglicherweise daran, dass sie das von uns gelernt haben. Überprüfen wir das mal kurz. Wenn du sauer auf dein Kind bist, entziehst du ihm die Aufmerksamkeit, indem du mit ihm nicht sprichst, es nicht anschaust, in sein Zimmer schickst etc.? Und in anderen Situationen schenkst du ihm deine volle Präsenz und Zuwendung als Belohnung und Liebesbeweis? Und übrigens das machst du wahrscheinlich genauso in der Partnerschaft, mit Freunden etc. Also (un) bewusst „manipulieren“ wir durch die Hingabe oder das Enthalten unserer Aufmerksamkeit.
Genau dieses Verhalten ist leider das Gegenteil der bedingungslosen Liebe, die unsere Kinder eigentlich bräuchten. Ein Kind, das bedingungslos geliebt wird, müsste die Sicherheit haben, dass es unsere Liebe, Anerkennung und Unterstützung hat, egal ob es eine Eins oder eine Fünf heimbringt, ob es sich nach unseren Wünschen verhält oder das Gegenteil tut, ob wir gerade beschäftigt sind oder ihm Aufmerksamkeit schenken.

Es ist unglaublich schwer, ich weiß! Ich selbst liebe es, Menschen, die mir wichtig sind, mit Aufmerksamkeit zu verwöhnen. Es wird mir gesagt, es sei eine große Stärke von mir. Aber dies ist zweischneidig. Ich erkannte, ich habe es meinen Kindern selbst beigebracht:
Aufmerksamkeit = Liebe.
Das Theater, der Zirkus, die Szenen – das sind im Grunde nichts anderes als die Eifersuchtsszenen, die wir aus der Erwachsenenwelt kennen. Sie wollen sich dadurch unsere Aufmerksamkeit sichern und ihren Schmerz ausdrücken, dass sie sich z.B. nicht gesehen fühlen.
Ich lehne mich jetzt sehr weit aus dem Fenster und behaupte sogar, dass Jugend-Straffälligkeit, eine Reihe von Krankheiten und sonstige Schwierigkeiten, die uns unsere Kinder bereiten, oft demselben o.g. Zweck dienen.
Tipp: Ein feinfühliges Gespräch mit jedem Kind einzeln darüber macht immer Sinn! Auch wenn du meinst, es sei kein Thema bei euch. Denn manche Kinder verschließen sich und unterdrücken ihre Wut, was leider noch ungesünder ist.
2. Die Suche nach Identität: Ein eigener Platz im System
Kinder wollen einzigartig sein. Wenn der große Bruder bereits als „der Sportliche“ gilt, wird die jüngere Schwester vielleicht „die Kluge“, „die Kreative“ oder „die Rebellin“, um sich abzugrenzen. Das ergibt absolut Sinn. Würde sie versuchen, in derselben Kategorie zu glänzen und noch sportlicher als der Bruder zu sein, wäre der nächste große Geschwisterkampf vorprogrammiert.
Eine schlauere Lösung ist für die meisten daher, in einem anderen Bereich erfolgreich zu werden. Aber selbst dann bleibt der unbewusste Antreiber oft wieder die Geschwisterrivalität.
Ein tolles Beispiel dafür sah ich in der Film-Biografie von Jennifer Lopez („Halbzeit“). Sie erzählt darin von ihren zwei Schwestern. Für die Eltern stand scheinbar fest:
„Die eine war die Sängerin, die andere die Kluge.“
Und was war dann Jennifer? Sie schloss daraus für sich, dass sie selbst weder singen kann noch klug ist, und begann eine Karriere als Tänzerin. Mit großem Erfolg sogar.
Doch die Kränkung aus der Kindheit saß offenbar tief. Das Leben von „Jenny from the block“ drehte sich jahrelang wie von allein darum, sich selbst (oder vielleicht ihrer Familie) etwas zu beweisen, nämlich dass sie eben „doch“ singen kann und klug genug ist, eine der erfolgreichsten Latinas der Welt zu werden. Ich frage mich daher:
Würden wir J. Lo heute überhaupt kennen, wenn sie ein Einzelkind gewesen wäre?

Geschwisterrivalität hat also auch etwas "Gutes"!
Das Zuhause ist ein „sicheres“ Übungsfeld. Hier lernen Kinder unter „Laborbedingungen“, Konflikte auszuhandeln, Grenzen zu setzen und eigene Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Eine unbezahlbare Vorbereitung auf das spätere Leben. Sie entwickeln dadurch ihre Identität und profilieren sich nicht nur innerhalb der Familie, sondern es werden auch die Weichen für ihre spätere Berufswahl, Partnerwahl etc. gestellt. Außerdem spornt es sie oft zu Höchstleistungen an, wie wir am Beispiel von J. Lo sehen. Hollywood ist voll mit Geschwistern, die es jemandem „zeigen“ wollten. Welche Beispiele kennst du?
Was wir Eltern tun können
1. Unsere Kommunikation verändern
Das Suchen nach dem „Schuldigen“ bei einem Streit („Wer hat angefangen?“) erzeugt immer einen Gewinner und einen Verlierer. Das schürt nur neuen Groll.
Besser: Geh in die Rolle des „Sportkommentators“. Beschreibe wertfrei, was du siehst: „Ich sehe zwei Kinder und nur ein Eis/Fahrrad/egal was. Ihr wollt es gerade beide haben, aber das geht gleichzeitig natürlich nicht.“ Danach lass sie die Lösung finden: Das macht Kinder groß. Frag sie: „Verständlich, dass euch das wütend macht. Wie könnt ihr das jetzt lösen? Welche Ideen habt ihr?“
Und leider ist es auch für viele Familien fatal, wenn man ein Kind vor dem/den anderen lobt und hervorhebt. Eltern meinen es gut, aber die Folgen davon sehe ich an Klienten in meiner Praxis…
Mut zur Lücke: Häufig geschehen Wunder, wenn wir uns einfach mal nicht einmischen. Ich weiß, das ist das Schwerste, die absolute Meisterklasse! Fünf Minuten später lachen sie oft wieder miteinander – und haben ganz nebenbei ihre Konfliktfähigkeit trainiert.
2. Meine persönliche Lösung: Die Exklusivzeit
Das ist mein persönliches Geheimrezept für zufriedene Kinder und es funktioniert bei uns wunderbar. Ich erlebe meine Kinder am entspanntesten, wenn sie immer wieder mal Zeit allein mit einem Elternteil (oder mit uns beiden) verbringen dürfen.
Ob ein gemeinsamer Spaziergang, ein Tag „Praktikum“ bei mir in der Arbeit, eine Übernachtung im Legoland oder ein Flugtrip – diese exklusive Zeit tut allen gut. Zugegebenermaßen ist das auch ein bisschen egoistisch von uns Eltern: Wir genießen die pure Entspannung ohne Zirkus und Szenen und haben ein strahlendes Kind an unserer Seite. Diese Lösung füllt den Liebestank jedes Kindes nachhaltig auf. Wichtig ist dabei nur, dass ihr nicht immer dasselbe Kind mitnehmt! 😉
Der Mini-Tipp für den Alltag: Falls Legoland oder eine Flugreise gerade nicht drin sind, fang klein an. Schenke jedem Kind regelmäßig 15 Minuten Exklusivzeit am Tag. Eine Zeit ohne Handy, nur du und dein Kind und du tust genau das, was sich das Kind wünscht. Kleiner Aufwand, große Wirkung!
Ein abschließender Gedanke aus der Praxis
Im Netz kursieren aktuell Trends, dass es veraltet sei, Kontakt zu (vor allem gehassten) Geschwistern zu halten, „nur weil es deine Familie sei“. Quasi weg mit allem, was nicht guttut.
Meine Antwort darauf: Ja, man kann das probieren und den Kontakt abbrechen, nur dadurch ändert sich aus psychologischer Sicht nichts am Gefühl. Das Unterbewusstsein wird andere Menschen in dein Leben hinzuziehen, die in die Rolle des bevorzugten Bruders stehen oder der hübscheren Schwester schlüpfen – sei es der Kollege, die Freundin etc. Du wirst dasselbe mit diesen Personen bewältigen müssen. Denn Ungelöstes sucht seine Wege zu dir, damit du die Chance bekommst, damit fertig zu werden. Also wegschauen hilft m.E. nicht.
Was hilft, ist, z.B. mit therapeutischer Hilfe zurück in die Kindheit zu gehen, genauer hinzuschauen, versuchen zu verstehen und zu verzeihen, die Geschichte anders zu betrachten und neu zu schreiben. Wenn möglich, das Gespräch zu suchen! Ein anderes Gefühl damit zu bekommen! Erst dann ist das Thema für dich gelöst.
In meinem privaten Umfeld sowie in meiner Praxis für Paartherapie und Familienberatung in München begegne ich erwachsenen Menschen, die genau diese Wunden aus der Kindheit noch immer in sich tragen. Sätze wie „Mein Bruder war das Lieblingskind“ oder „Meine Schwester wurde immer bevorzugt“ sitzen tief. Die Erfahrungen unserer Kindheit begleiten uns ein Leben lang – im Guten wie im Schlechten. Und sie beeinflussen unsere Liebesbeziehungen. Z.B. das Gefühl eines Kindes, dass sein Geschwisterkind ihm vorgezogen wird, ist leider die häufigste Ursache für starke Eifersucht in späteren Beziehungen. Sie beeinflussen auch unsere Partnerwahl. Und prägen unsere Erlebnisse in der Arbeitswelt. Aber dazu ein anderes Mal mehr.
Wie ist das bei dir? Erkennst du diese Dynamiken aus deiner eigenen Kindheit wieder? Und welche Strategien helfen dir im Alltag mit euren Kindern am meisten? Erzähl es mir gerne persönlich oder schreibe in den Kommentaren! Ich finde es spannend.



Kommentare