Wenn Elvis und Priscilla Presley auf meiner Couch sitzen würden -
Die narzisstische Ehe erklärt am Bespiel von Elvis und Priscilla
Wenn Elvis und Priscilla Presley auf meiner Couch sitzen würden, würde ich als Paartherapeutin wahrscheinlich feststellen, dass sie eine sog. „narzisstische Beziehung“ führen (Theorieinput: die narzisstische Kollusion nach Jürg Willi) – bis heute die mit am weitesten verbreitete Beziehungsform, Tendenz steigend.
Was dieses Beziehungsmodell bedeutet, erkläre ich theoretisch sowie praktisch am Beispiel dieser zwei interessanten Persönlichkeiten, die jeder kennt und die mir persönlich viel bedeuten. Selbstverständlich ist die paartherapeutische Analyse rein fiktiv und basiert auf Informationen, die der Allgemeinheit zur Verfügung stehen, wie (Auto)-Biografien, Filme, Fan-Magazine, Internet.
Was meint eine narzisstische Beziehung?
Eine narzisstische Beziehung wird von zwei Menschen geführt, die einen unbewältigten Grundkonflikt im Bereich des Selbstwertgefühls haben. Der eine hat ein übersteigertes Selbstwertgefühl (zumindest nach außen), ist auf die Bestätigung des Partners (und aller anderen) angewiesen und ist von innen leer und schwach. Eine solche Person ist im paartherapeutischen Kontext eine Sekundärnarzisstin oder ein Sekundärnarzisst. Und die andere Person hat ein geringes Selbstbewusstsein (auch nach außen), sie himmelt ihren Partner an und erfährt durch ihn eine Selbstwertsteigerung. Das wäre die Primärnarzisstin bzw. der Primärnarzisst.
Wenn sich zwei solche Menschen finden, passen sie wie Topf und Deckel zueinander. Die Anziehung ist groß, die Liebe ist heiß, alles passt perfekt. Es findet eine Verschmelzung statt, die von beiden (am Anfang) so gewollt ist. Mehrere Jahre kann die „perfekte Harmonie“ andauern, bis der Sekundärnarzisst ermüdet, „so großartig sein zu müssen“ und befürchtet, der Partner würde aufhören, ihn „aufzupumpen“, sobald er seine Schwächen und Minderwertigkeitskomplexe erkennt. Und der Primärnarzisst erkennt irgendwann, dass er sich selbst ganz aufgegeben und vernachlässigt hat, um seinen narzisstischen Partner glücklich zu machen und ihn mit seiner Hingabe zu „nähren“. Dann erbost er (oder beide) und es kommt unausweichlich zu einer existenziellen Paarkrise (Streitmotive nebensächlich, es geht um Grundsätze). Viele beschließen, es sei wichtig, aus der Beziehung zu gehen, um sich selbst zu erhalten. Das Liebesaus ist vorprogrammiert, auch nach vielen glücklichen Ehejahren. So ist der Verlauf von leider vielen narzisstischen Beziehungen. Zumindest von denjenigen, bei denen die Partner nicht über sich selbst reflektieren und nicht bereit sind, an sich und an der Beziehung zu arbeiten.
So ist es aus meiner Sicht auch bei Elvis und Priscilla gewesen. Aber lassen Sie uns das genauer anschauen. Dreimal dürfen Sie raten, wer von den beiden Promis der Primär- und wer der Sekundärnarzisst war. Natürlich wäre hier Elvis (Der King of Rock and Roll) der Sekundärnarzisst, der für seine Fans und Freunde alles gab (für deren Liebe und Anerkennung) und auf der Bühne mit am glücklichsten war. Und Priscilla (zumindest zu den Zeiten ihrer Beziehung) würde ich als die Primärnarzisstin identifizieren, die in ihm aufgeht, sich selbst aufgibt und für ihn alles tut, um ihm zu gefallen. Heute ist sie eine kluge Geschäftsfrau und hat eine eigene Karriere gemacht. Ich habe 2025 ihre Hand gehalten und sie wirkte mit ihren damals 79 Jahren stark und eigenständig sowie sehr gefühlvoll und empathisch.

Entstehung der narzisstischen Merkmale – Elvis´ Kindheit
Irgendwo habe ich den Spruch gehört
„Wenn Ihre Kinder nicht berühmt werden wollen, dann haben Sie als Eltern vieles richtig gemacht.“
Was ist also in Elvis´ Kindheit passiert, würde ich hier nachbohren. Die narzisstischen Merkmale entstehen in den ersten 1,5 Lebensjahren.
Elvis´ Mutter, Gladys Presley, hatte am 08.01.1935 eine Totgeburt und gebar unmittelbar nach Jesse Garon (der verstorbene Zwillingsbruder) unerwarteterweise ein weiteres Kind, nämlich Elvis. An dieses hat sie sich, wie in vielen Büchern beschrieben, festgeklammert – vielleicht aus Verlustangst, aus Dankbarkeit. Er war für immer ihr „Ein und alles“. Durch dieses Klammern an das Kind macht es die Mutter dem Kind unbewusst unmöglich, eine eigene Identität sowie Autonomie zu entwickeln. Der Sohn und die Mutter bleiben für immer „verschmolzen“, wie es für die ersten 18 Lebensmonate eines Kindes typisch ist. Ein Beispiel für „Verschmolzen-sein“: Wenn die Mutter weint, weint daraufhin auch das Baby. Dieses kann nicht zwischen Mutter und sich selbst unterscheiden. Es gibt quasi kein „Ich ohne dich“, nur „wir sind eins“. Die Entwicklung einer eigenen Identität sowie von Autonomie bleibt in solchen Fällen wie bei Elvis auf der Strecke (oder ist zumindest sehr erschwert).
Mutter-Gebundenheit / Vater-Gebundenheit
Unbewusst verstärkt eine narzisstische Mutter i.d.R. diese Bindung mit weiteren Handlungen. Das äußerte sich in unserem Beispiel dadurch, dass Gladys überfürsorglich war, die Leine von Elvis sehr kurzhielt und ihn letztendlich stark kontrollierte – u.a. wegen ihrer Verlusterfahrung.
Hinzu kommt mein Eindruck, dass Gladys und ihr Mann Vernon keine wirkliche Liebesbeziehung gepflegt haben. Das begünstigt die darauffolgende Entwicklung, dass ein Sohn zum Partnerersatz der Mutter wird, was aus paartherapeutischer/systemischer Sicht äußerst problematisch ist. Wie innig sich Mutter und Sohn liebten, wird u.a. in einer Szene im Film „Elvis“ (2022) angedeutet/veranschaulicht, in welcher der erwachsene Elvis und Gladys sich umarmen, streicheln und sich die Liebe erklären - so zärtlich, so intim.
Aus dieser ganzen Konstellation ergibt sich i.d.R. eine sog. Mutter-Gebundenheit. Das bedeutet, dass die wichtigste Beziehung, die man im Leben führt und je führen wird, die mit seiner Mutter ist. Aus dieser Gebundenheit heraus entsteht beim Sohn der Wunsch, der Mutter treu zu bleiben, als Folge. Er kann sich dann gar nicht auf eine andere Beziehung gefühlsmäßig einlassen. Keine andere Frau wird Gladys je das Wasser reichen können. Elvis vergötterte seine Mutter und auch sie ihn – dies bestätigen so gut wie alle Bücher und Berichte über sie.
In der Paartherapie wird beobachtet, dass ein Mutter-gebundener Mann in der Regel eine Beziehung mit einer Vater-gebundenen Frau eingeht, also mit einer Frau, die sich ebenfalls nicht auf eine Beziehung einlassen kann. Paare wie Elvis und Priscilla können keine echte Bindung zueinander herstellen, man lebt nebeneinanderher und kennt die wahren Gefühle des Partners kaum. Die Vater-Gebundenheit bei Priscilla ergibt sich hier aus anderen Faktoren. Hier sehe ich als vordergründig den Verlust des leiblichen Vaters. Wie wir aus Priscillas Biografie wissen, starb ihr Vater, als sie ein Baby war. Ihre Mutter heiratete schnell erneut. Der Verlust eines Elternteils im Kindesalter führt in den meisten Fällen zu einer Mutter- oder Vater-Gebundenheit, im Falle von Priscilla zu einer Vater-Gebundenheit (zum leiblichen Vater versteht sich).
Die Wiederholung durch ihre Tochter Lisa-Marie
Hier könnte man gleich auch deren Tochter Lisa-Marie als Beispiel anführen. Denn so wie Priscilla verlor auch ihre Tochter ihren Vater, als diese ein Kind war. Interessanter generationsübergreifender „Zufall“, nicht wahr?! Wir sind uns hoffentlich einig, dass es keine Zufälle gibt.
Bei solchen Schicksalsschlägen entsteht für ein kleines Mädchen eine große Sehnsucht nach dem Vater sowie eine starke Idealisierung seiner Figur. Jeder Mann in ihrem Leben wird mit dem Superdad verglichen und wann dieser Dad Elvis ist, wird es für so manche Männer ziemlich schwierig zu konkurrieren. Als solche Tochter will man dem Papa treu bleiben, deswegen gehen wie vorprogrammiert alle Beziehungen in die Brüche. Allerdings nur so lange, bis man diese Themen z.B. therapeutisch aufgearbeitet hat. Also hier die gute Nachricht: die Mutter-/Vater-Gebundenheit ist lösbar.
Keine Augenhöhe auch aufgrund des großen Altersunterschieds
Der große Altersunterschied der beiden (10 Jahre) hängt m. E. ebenfalls mit dem Vaterverlust zusammen. Priscilla könnte unterbewusst eine Vaterfigur gesucht haben – beschützend, fürsorglich, großzügig, dominant und stark – ganz wie sich wahrscheinlich jedes Mädchen einen Idealvater vorstellen würde. Und dann traf sie Elvis, der ALL das perfekt verkörperte. So haben sich zwei gefunden, die wie Topf und Deckel perfekt zueinander passen. Trotz so vieler weiblicher Verehrerinnen hat er an Priscilla festgehalten. Nur sie hatte das, was ihm so dauerhaft imponierte, das, was seinen Vorstellungen entsprach (jung, unschuldig, gehorsam, Vater-gebunden). Sie war seine Auserwählte und die Liebe war groß.
Keine Gesprächskultur, keine emotionale Nähe
Elvis und Priscilla haben nach allem, was wir über sie wissen, eine Ehe geführt, in welcher nicht offen und ehrlich miteinandergesprochen wurde, in welcher kein gegenseitiges Interesse für die Persönlichkeit des anderen vorhanden war. In Biografien lesen wir, dass Elvis weder vom Mode- oder Musikgeschmack noch von der Einsamkeit seiner Frau wissen wollte. Doch am schädlichsten für die Ehe war, dass es beiden nicht möglich war, über Gefühle und Bedürfnisse offen zu sprechen. Priscilla schildert weiter in ihrem Buch „Elvis und ich“ sowie im Film „Priscilla“, dass sie, wenn sie versucht hat, mit Elvis über ihre Sorgen, ihre Eifersucht oder ihre Einsamkeit zu sprechen, von ihm stets unterbrochen und abgewiesen wurde. Er habe ein „braves Mädchen“ haben wollen, das stets gute Laune hat und keine Beschwerden oder Anforderungen ausspricht. Er wollte sie offenbar so haben, wie die Idealfrau in seinen Vorstellungen (s.o.) – jung, zierlich, gehorsam, unschuldig, Jungfrau.
Das Ende
Priscilla, wie die typische Primärnarzisstin, befand sich in einer inneren Zerrissenheit. Einerseits wollte sie die Vorzeige-Ehefrau sein – treu, untergeordnet und alle Erwartungen von Elvis erfüllend. Andererseits aber wuchs in ihr das Bedürfnis nach Selbstbestimmung, nach einer eigenen Stimme, nach einer Begegnung auf Augenhöhe. Und das ist ganz natürlich.
Es lebt sich einsam in einer Beziehung, in welcher die Gefühle und Bedürfnisse der Partner unterdrückt oder abgewertet werden.
Jahre später nahm sie ihren Mut zusammen und trennte sich von dem Superstar, um sich als eigenständige Frau, als Schauspielerin und Unternehmerin zu entwickeln. Das ist aus paartherapeutischer Sicht ein wichtiger Schritt für sie, ein Zeichen, dass sie sich weiterentwickelt hat. Und sie musste aus der Beziehung raus, denn es war am Ende zu viel kaputt, zu viel Untreue, eine große emotionale Distanz und viel Unausgesprochenes.
Elvis blieb in vielen Aspekten ein Gefangener seiner inneren Welt, seiner Kindheitsprägungen und seines Ruhms. Die Liebe zwischen Elvis und Priscilla war mit Sicherheit groß – aber sie konnte sich aufgrund von Idealisierungen, Schweigen und Rollenfixierungen nicht weiterentwickeln und sich vertiefen. Eine moderne Paartherapie hätte beiden helfen können, ihre Muster zu erkennen, Grenzen zu setzen und einen ehrlichen, erwachsenen Dialog zu führen.
Wenn sie auf meiner Couch gesessen hätten, hätte ich mit ihnen u.a. Folgendes herausgearbeitet:
· Wer ist Priscilla ohne Elvis?
· Ich hätte mit ihr an ihrem Selbstbewusstsein gearbeitet. An ihrer Selbstwirksamkeit.
· Wer ist Elvis ohne Priscilla, ohne ihre Bestätigung (ohne die Bestätigung aller, mit welchen er sich stets umgeben hatte, wie die Jungs der „Memphis Mafia“)?
· Das Prinzip heißt „Ich bin ich, und du bist du“
· Er müsste ebenfalls befähigt werden, Selbstbewusstsein von innen heraus zu schöpfen – gegen seine große innere Leere.
· Warum ist es gut so, dass sie zwei verschiedene (autonome) Wesen sind? (die Vorteile!)
· Wie können beide wieder emotionale Nähe herstellen? - Sie sollen sich trauen, sich vor dem anderen verwundbar zu zeigen; sich öffnen trotz großer Angst wegen ihrer Schwäche abgelehnt zu werden.
· Offene erfüllende Gespräche nach bestimmten Kommunikationstechniken führen
· Traumata aus dem Elternhaus aufarbeiten, damit keine unbewusste Projektion auf den/die Partner/in stattfindet
· Etc. etc.
Ich habe viele „Elvis-es“ und „Priscilla-s“ in meiner Praxis kennengelernt und sie alle liebend gern dabei unterstützt, ihre o.g. Themen aufzuarbeiten. Schließlich ist die narzisstische Beziehung, wie oben erwähnt, die am weitesten verbreitete Beziehungsart heutzutage, und zwar mit steigender Tendenz. Es gibt Lösungen dafür und sie sind alle mit der sich immer lohnenden Arbeit an sich selbst verbunden.
Hast Du Dich und/oder Deine/n Partner/in in diesen Dynamiken zufällig wiedererkannt?



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