„Rosenkrieg“ - Wo früher Liebe war, sind jetzt Rachelust und Machtkampf.
- adrianasimelka
- 8. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Wie ist es überhaupt möglich? Man hat sich ineinander verliebt, sich das „für immer und ewig“ geschworen, gemeinsame Kinder in die Welt gesetzt. Und Jahre später sind dieselben zwei Menschen fähig, Hass, Wut, Rachelust und Verachtung füreinander zu empfinden. Wo ist dann die Liebe hin?
„Hass ist immer enttäuschte Liebe.“ Zitat verbreitet durch Bert Hellinger, Ursprung: Kurt Tucholsky
Hass ist ein sehr starkes Gefühl, das manchmal intensiver als Liebe bindet. Denn wir könnten niemanden hassen, der uns wurscht ist, richtig? Um jemanden zu hassen, müssen wir sehr stark für ihn empfinden. Um uns zu rächen, müssen wir ebenfalls viel Energie aufwenden. Und das machen wir sicher nicht für jeden! Die Person muss uns das eigentlich wert sein. Das schon mal vorab.
Also warum sind so viele Scheidungen/Trennungen so gewollt verletzend? Warum muss ein sog. „Rosenkrieg“ geführt werden? Aus der Erfahrung in meiner Praxis für Paartherapie stelle ich fest, dass der „Rosenkrieg“ für einen oder beide Ex-Partner oft unbewusste Funktionen erfüllt:
Aufrechterhaltung der Bindung: Paradoxerweise ist ein Streit eine Form von intensiver Verbindung. Wer kämpft, hat den anderen noch nicht losgelassen. So erzwingt er/sie die Aufmerksamkeit vom Ex-Partner, statt von ihm/ihr ignoriert zu werden. Das ist menschlich.
Vermeidung von Trauer: Solange man kämpft und wütend ist, muss man sich nicht mit der Leere, der Einsamkeit und dem Schmerz der Trennung auseinandersetzen. Wut ist ein "aktivierendes" Gefühl, Trauer dagegen ein "lähmendes“. Man möchte bloß sein Herz schützen, verständlich. Denn die Gefühle bei einer Trennung sind heftig. Am stärksten Angst, Enttäuschung und Schuldgefühle.
Wiederherstellung von Gerechtigkeit: Wer sich betrogen oder verlassen fühlt, versucht durch den Kampf (oft über Finanzen oder das Sorgerecht), eine moralische „Rechnung“ zu begleichen, quasi dafür den anderen z.B. „bluten“ oder „blechen“ zu lassen.
Eine seit drei Jahren getrenntlebende Frau sagte mal: „Das gehört fast dazu, sich in der Anfangsphase (der Trennung) zu hassen und zu bekriegen“. Wahrscheinlich muss diese „Hate“-Phase tatsächlich sein, um
sich vom Ex-Partner abzugrenzen und zu distanzieren. Vielleicht braucht es, dass sich nach dem Liebesaus ein ganz gegensätzliches Gefühl von Liebe einstellt, das genau Hass wäre. Denn, wenn man sich mag und eigentlich ok versteht, könnte man gleich zusammenbleiben. Dann könnte der Mut zur Trennung verschwinden, aber die Trennung ist wahrscheinlich aus vielen triftigen Gründen notwendig/wichtig. Man möchte sich in seiner Entscheidung am liebsten bestätigt fühlen.
Ich sehe aber auch, dass viele, die einen „Rosenkrieg“ führen, nicht realisieren, dass sie eigentlich auch auf sich selbst sauer sind. Denn:
„Fremdhass ist immer mit Selbsthass verbunden.“ Getrennte Partner sind oft wütend, dass sie „das alles“ so lange mitgemacht haben, dass sie es überhaupt zugelassen
haben, dass sie nicht früher den Mut/die Entschlossenheit hatten, etwas radikal zu verändern. Man ärgert sich über die eigene Naivität, Abhängigkeit, über verpasste Chancen, über vergeudete Zeit… Letztendlich sind sie auch verständlicherweise wütend, dass ihre eigenen Vorstellungen vom gemeinsamen Leben, ihre Liebesvisionen enttäuscht wurden. Dieses wichtige Detail bleibt meistens unausgesprochen, es sollte aber unbedingt therapeutisch aufgearbeitet werden. Damit das Loslassen beginnen kann.
Und schon sind wir beim nächsten Faktor – die „Schuld“ (falls man überhaupt von Schuld sprechen darf).
So gut wie nie ist nur einer an allem „schuld“ – oft sogar beim Fremdgehen… Es fällt meist schwer sich zu gestehen, dass man zum Beziehungsaus selbst beigetragen hat. Klar, es tut gut, diese Riesenverantwortung demjenigen in die Schuhe zu schieben, den/die wir für unseren Schmerz verantwortlich machen. Es fühlt sich fast gerecht an… Es gehören aber immer zwei dazu. Das wissen wir seit dem Kindergarten!
Und zu guter Letzt habe ich bei manchen beobachtet, dass der Kampf gegen den Ex-Partner stellvertretend für den Kampf mit einem Elternteil geführt wird. Unbewusst! Das Sich-Wehren, Stirn-Bieten und Grenzen-Setzen, was in der Kindheit/Jugend gegenüber der Mutter oder dem Vater nicht gewagt wurde oder nicht möglich war, wird nun gegenüber dem Partner in voller Wucht ausgetragen. Und dann wundern sich alle Seiten über die Heftigkeit der Gefühle. Aber diese Gefühle haben Geschichte und müssen jetzt in voller Power raus… Nur treffen sie den/die Richtige/n?
All dies sind Fragen, mit welchen man sich unbedingt in einem paartherapeutischen Setting beschäftigen sollte. Zusammenfassend bin ich der Meinung, dass sich Ex-Partner mit dem „Rosenkrieg“ fehlgeleitet etwas vormachen und ihre Agonie leider unnötig verlängern. Ich bin überzeugt, dass Paartherapie helfen kann, die Emotionen zuzuordnen und zu verarbeiten sowie die Energie in den Neustart zu steuern statt in einen Kampf, bei welchem es nur Verlierer geben kann. Offenbar ist für die meisten eine Phase der Vorwürfe, Schuldzuweisungen bis hin zu Rache und Hass notwendig (aus den o.g. Gründen), doch
je kürzer sie ist, desto gesünder ist es – für die Partner wie für die Kinder.
Was die elterliche Trennung mit den Kindern macht, schreibe ich demnächst.
Sowie wie man die Trennung (falls wirklich nötig!?) möglichst gut meistert. Stay tuned!

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